Das Opfer von Pömmelte

Eiskalt blies der Wind über die Ebene an der Elbe. Die Frau fror in ihrem einfachen Gewand. Aber es spielte jetzt auch keine Rolle mehr, ob sie sich erkälten würde. Heute war ihr letzter Tag in dieser Gestalt, auf dieser Erde. Sie zitterte nicht nur wegen der Temperaturen. Dem Mädchen an ihrer Seite ging es ähnlich. Sie streckte die Hand aus und zog sie zu an sich. Immerhin würden sie ihrem Schicksal zu zweit entgegen gehen.

Der vertraute, tausendmal gegangene Weg. Sie erinnerte sich an die Feste der Vergangenheit, wie fröhlich und wie unbeschwert sie in ihrer Jugend gewesen waren. Damals hatte das Korn noch hoch gestanden, hatte noch keine Heuschrecken die Ernte gefressen, hatten sie alle genügend zu essen gehabt. Damals hatten sie nur Mahlsteine und Becher geopfert, in härteren Jahren eine Kuh. Die Anführer der Sippe hatten im Kreis gekämpft, sich ihre Kraft bewiesen. Wie sehr sich alles geändert hatte.

Mehrere Winter nun schon hatten sie gehungert. Zuerst waren die Alten gestorben, dann die Kinder und Frauen. Als in diesem Winter sogar die Sippe des Anführers betroffen war und Männer starben, hatten sich die Priester im Heiligtum versammelt und die Götter um Rat gefragt. Stundenlang hatten die Menschen aus den Häusern davor gewartet, in banger Erwartung dessen, was sie weissagen würden. Erzählungen von früher, von Menschenopfern, hatten die Runde in der Menge gemacht. Schon da hatte sie gespürt, dass dieser Tag nicht gut für sie ausgehen würde. Denn sie war schon immer diejenige gewesen, die außerhalb gestanden hatte, diejenige, die unfruchtbar war und dafür in die Zukunft sehen konnte.

Nicht alles, diesen Tag hatte sie nicht vorher gesehen. Doch immer wieder hatten sie Bilder gesehen, in denen ein großes Feuer das Ringheiligtum verschlingen würde. Nur einmal hatte sie sich getraut, davon zu erzählen, es war ein Fehler gewesen. Seitdem sah sie die Angst in den Augen des höchsten Priesters, wenn sie sich begegneten. Darum hatte sie gewusst, dass diese Versammlung nicht gut für sie ausgehen würde.

Und so war es. Als die Priester das Ringheiligtum durch das Westtor verließen, wussten alle, was es zu besagen hatte: Die Götter hatten ein Menschenleben gefordert. Zum nächsten Fest, zum Beginn der Feldarbeit sollte es geopfert werden. Doch es war nicht nur ein, sondern zwei Menschenleben. Die Wahl war auf sie gefallen und auf das kleine Mädchen, die Waise, um die sie sich in den letzten Jahren gekümmert hatte.

Nun war es also so weit. Das letzte Mal durch das Tor schreiten, das letzte Mal von den Schädeln links und rechts davon begrüßt werden - schon immer hatte sie sich davor gefürchtet.

Das letzte Mal den Himmel sehen, die Vögel hören. Die Raben waren zu ihrem Abschied gekommen, das Krähenvolk ebenfalls. Sie würde sie vermissen. Die Menschen - nicht so sehr.

Als ihre Unfruchtbarkeit offenbar geworden war, hatte ihr Mann sich eine andere Frau genommen, Fruchtbarkeit war das Wichtigste für die Sippe. Sie hingegen hatte vom ersten Licht bis zum Einbruch der Dunkelheit mit den großen Steinen Getreide mahlen müssen, jeden Tag ihres Lebens. Ihre Hüfte und ihre Knie schmerzten Tag und Nacht. Es war ein hartes Leben gewesen, einzig das Mädchen hatte ihr Freude bereitet. Doch nun sollte auch sie geopfert werden. Die Frau merkte, wie Wut darüber in ihr hochstieg. Ihr eigenes Leben zu herzugeben, um das Überleben der Sippe zu sichern - damit konnte sie sich abfinden. Die meisten ihrer Gefährtinnen aus den Jugendjahren waren bei der Geburt ihrer Kinder gestorben. Sie war bereit heimzukehren zur großen Mutter.

Doch das Kind - es hatte all seine Jahre noch vor sich, sollte noch den Zauber der Liebe erleben - auch wenn er allzuschnell erlosch -, mit den Hasen um die Wette laufen und mit den Schmetterlingen tanzen. Das Wasser der Alba auf seiner Haut spüren, die Morgensonne begrüßen - all das hätte das Mädchen noch erleben sollen.

Mit der Wut kamen die Bilder wieder, wie immer, wenn sie außer sich geriet. Sie sah die Flammen vor sich, sah wie das Ringheiligtum verbrannt wurde, wie nichts davon mehr übrig blieb außer den Gräbern.

Die Priester hatten unterdessen alle Vorkehrungen getroffen. Der höchste Priester stand in der Mitte, hinter dem innersten Kreis die Zuschauer. Alle Dorfbewohner waren da, in der Hoffnung, dass das Opfer ihres Lebens ihnen wieder Fruchtbarkeit bringen würde, damit ihr Leben weiter gehen konnte.

Die allerletzten Momente waren gekommen, grob wurde sie angefasst und vor den Priester geführt. Es wurden totenstill, das Gemurmel der Menge erstarb. Sie richtete sich auf und erhob ihre Stimme. “Ich werde sterben, damit ihr leben könnt. So soll es geschehen. Und ich werde heimkehren zur großen Mutter und wieder kommen, in anderer Gestalt. Doch Ihr” - sie deutete auf den Priester - “Euer Geschlecht sei verflucht, bis ins letzte Glied. Ihr werdet nicht heimgehen, nicht zurückkommen - und wenn ihr euch zehnmal gen Osten begraben lässt. Es wird euch nichts helfen. Ihr werdet vergehen, so wie auch dieser Ort in Flammen vergehen wird.”

Eine steinerne Streitaxt beendete ihr Leben und das des Mädchens. Ihre Seele floß in die nahe Alba, den Fluss hinauf, heim zur großen Mutter, von der alles Leben kam.

Ihren Leib verscharrten die Priester in dem Opferschacht vor dem Tor, ohne Blick gen Osten. Die Ernte wurde gut in diesem Jahr.

Nur der höchste Priester erlebte sie nicht mehr. Er starb noch im Frühjahr und wurde mit allen Ehren im Allerheiligsten begraben, gen Osten gerichtet. Eine hölzerne Stele wurde für ihn errichtet, weil er sie in der Hungersnot gerettet hatte. Die Prophezeiung geriet in Vergessenheit.

Einige Jahrzehnte später wurde das Heiligtum abgebaut und verbrannt.

Hölzerne Stelen in Pömmelte

Die Fakten hinter der Geschichte

Soweit diese Geschichte, zu der mich das Ringheiligtum von Pömmelte inspiriert hat. Vieles davon entspringt meiner Kreativität und ich habe mich bemüht, so möglichst viele Fakten einfließen zu lassen:

Das Wichtigste zuerst: Ja, im Ringheiligtum von Pömmelte wurden Menschen geopfert. Nicht allzu viele, genau ist das nicht mehr festzustellen, da von den Opfern nur Skelettteile gefunden wurden. Sie lassen sich aber eindeutig einer ca. 30-40 jährigen Frau und einem 4-7 jährigen Kindes zu ordnen, die aus der eigenen Sippe stammten. Beide wurden durch Hiebe mit einer Streitaxt getötet und die Archäolog*innen gehen dann, dass dies im Rahmen eines Opfers geschah. Verscharrt wurden die Opfer in einem so genanten Opferschacht vor dem geschlossenen Palisadenring. Insgesamt hat man 29 dieser Opferschächte gefunden.

Ebenso nachweisbar sind die Gräber von Männern - man geht davon aus, dass es Priester waren - im Ringheiligtum, sie sind alle mit dem Gesicht gen Osten begraben.

Der Zeitpunkt, zu dem die Menschen geopfert wurden, ist nicht mehr nachzuvollziehen, ich habe ihn an Imbolc/ Mariä Lichtmess Anfang Februar verlegt, weil dann der Hunger am größten ist, wenn die Ernte schlecht war. Dass die Menschenopfer auf besonders schlechte Jahre folgen, ist ebenfalls nicht bewiesen, halte ich aber für wahrscheinlich.

Fakt ist, dass das Ringheiligtum auf die ackerbaulichen Festen ausgerichtet ist. Zu diesen Zeitpunkten - Anfang Februar, Ende April, Anfang August und Ende Oktober geht die Sonne in den Torbögen auf und unter. Die Informationstafeln am Eingang verwenden die keltischen Bezeichnungen für diese Fest: Imbolc, zum Frühlingsfest, Beltane für Ende April, Lughnasad für den Zeitpunkt der ersten Ernte im August, sowie Samhain zum Totenfest Anfang Oktober. Das ist jedoch nur eine Brücke, wie die Menschen damals diese Feste genannt haben, wissen wir nicht. Wir können nur vermuten, dass sie bereits eine indoeuropäische Sprache gesprochen haben. Doch sie kannten noch keine Schriftkultur, es gibt keinerlei Aufzeichnungen.

Das Volk, dass das Ringheiligtum gegen 2.300 v. Chr. errichtete hatte auf jeden Fall nichts mit den Kelten zu tun, die sehr viel später lebten. Die Erbauer des Ringheiligtum waren Glockenbecherleute, ursprünglich ein nomadisierendes Hirtenvolk, das aus der südrussischen Steppe nach Europa eingewandert ist. In Mitteldeutschland, auf den fruchtbaren Schwarzerdeböden der Magdeburger Börde, siedelten sie sich an und wurden Ackerbauern. Vermutlich brachten sie die Pest mit. Diese löschte die bereits existierende Bevölkerung, die aus den Linearbandkeramikern (den Einwanderern, die ursprünglich den Ackerbau aus dem fruchtbaren Halbmond - eine Region in Irak, Iran und Anatolien - importiert hatten) hervorgegangen war, aus.

Ackerbau braucht viele Menschen. Diese können nur durch Frauen auf die Welt kommen. Ein Volk, dass essentiell darauf angewiesen ist, viele Kinder zu haben, könnte darum auch die Frauen und ihre Fruchtbarkeit besonders ehren. Das scheint hier aber nicht der Fall gewesen zu sein, alle archäologischen Funde erzählen von einer Vormachtstellung der Männer, was Stellung und Ernährung betraf.

Die Glockenbecherleute waren patriarchal ausgerichtet, und sie hatten einen massiven Männerüberschuss - Archäogenetiker vermuten, dass auf fünf bis sieben Männer eine Frau kamen. Durch diesen Überschuss war Frauenraub vermutlich eine gängige Praxis - der Tatort von Eulau erzählt hier eine ziemlich eindeutige Geschichte (davon berichte ich ein anderes Mal). Es war also gang und gäbe, Frauen aus anderen Sippen zu entführen und sie zu vergewaltigen. Selbst wenn die Frauen freiwillig mitgingen, so waren es doch sie, die zu den Männern zogen, die Gesellschaften waren patrilinear organisiert.

Auch im Ringheiligtum waren die Bereiche der Männer und der Frauen voneinander getrennt: Im nordöstlichen Bereich symbolisierten Mahlsteine den weiblichen Bereich, häusliche Tätigkeiten, Fruchtbarkeit und Naturkraft. In der südwestlichen Hälfte weisen Steinbeile auf die männliche Sphäre.

Wie mit Frauen umgegangen wurde, die unfruchtbar waren, das erzählen die archäologischen Funde nicht, mir scheint es allerdings wahrscheinlich, dass sie erst recht am untersten Rand der Gesellschaft standen.

Später wurde aus den Glockenbecherleuten vermutlich durch das Verschmelzen mit Schnurkeramikern, ebenfalls ursprünglich einem Hirtenvolk aus der Steppe, die Aunjetizer. Sie nutzten das Ringheiligtum bis 2050 v. Christus, dann wurde es mit zahlreichen Opfern in einer großen Zeremonie abgebaut, die unzähligen Eichenstämme verbrannt, die Asche wieder in die nun leeren Gräben geräumt.

Literatur zum Weiterlesen:

Harald Meller, Kai Michel, Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangen Kultur im Herzen Europas. München 2018.

Johannes Krause, Thomas Trappe, Die Reise unserer Gene. Berlin 2020.

Und zum Anschauen:

Außerdem empfehle ich die kleine, aber feine Ausstellung “Ringheiligtum Pömmelte” im Salzlandmuseum in Schönebeck, sowie diese Videos des Museum für Vor- und Frühgeschichte und des Salzlandmuseums:


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Im Frauenkreis - ein Brigid Ritual in der Lohe

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Von Trauer und Transformation