Das Herz weich halten
Gestern war der internationale Gedenktag für die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Ich habe nur nachgedacht, nichts gepostet (und mich prompt schlecht dabei gefühlt), weil ich noch nicht genau wusste, was ich abseits des üblichen “Nie wieder” dazu zu sagen hatte.
Abends las ich dann weiter in dem Buch, das mir neulich in den Bücherhallen in die Hände gefallen war (allein dafür liebe ich Büchereien, für diese zufälligen Funde, die den richtigen Weg weisen). Es heißt “Heiliger Zorn. Wie die frühen Christen die Antike zerstörten” und stammt von Catherine Nixey, einer Altphilologin, die in Cambridge studiert hat.
The Burning of the Library at Alexandria in 391 AD, illustration from 'Hutchinsons History of the Nations', c.1910
Darin schildert sie in klaren und deutlichen Worten, wie die Christianisierung im 4. und 5. Jahrhundert im römischen Reich verlief. Die Bischöfe bedienten sich dabei unter anderem Banden ungebildeter, aggressiver, junger Männer, die aufgehetzt die Straßen unsicher machten. Vor allem in Alexandria verbreiten sie Angst und Terror, zerstörten Tempel und Götterbilder, verbrannten die Bücher der berühmten Bibliothek - einer der größten und schönsten Bibliotheken, die es jemals gegeben hat, mit Tausenden von unersetzlichen Originalen. Damit nicht genug, in einem grausamen Finale ermordeten 415 n. Chr. die so genannten “Parabolani”, die Ruchlosen auf offener Straße die berühmte Mathematikerin und Philosophin Hypatia, weil sie ihr Astrolabium für ein Werkzeug des Teufels hielten. Von ihrem Werk ist nichts übrig geblieben, es wurde alles verbrannt - so wie sie selbst.
"Tod der Philosophien Hypatia n Alexandria". Illustration aus dem Buch Vies des savants illustres, depuis l'antiquité jusqu'au dix-neuvième siècle , von Louis Figuier 1866.
Das erste Opfer Kyrills, des Bischofs von Alexandria, waren übrigens die Juden. Kyrill scharte einen Mob um sich und “marschierte voll Zorn zu den Synagogen der Stadt, nahm sie in Besitz, läuterte sie und verwandelte sie in Kirchen.” Anschließend nahm er den Juden all ihren Besitz und vertrieb sie aus der Stadt in die Wüste. Wie viele Menschen dabei umkamen, ist nicht überliefert.
Klingt irgendwie bekannt, oder? Die Zeichen stehen an der Wand. Banden ruchloser junger Männer toben durch Straßen und Politik, instrumentalisiert von alten Männern (und einer Frau), die modernes Wissen (um den Klimawandel zum Beispiel) verhöhnen, Anderssein verbieten (alle, die nicht in ihr patriarchales Weltbild passen), und alle Fremden vertreiben. (Das nennen sie dann Deportation oder Remigration).
All das getrieben von einem engstirnigen Weltbild, das schon im 5. Jahrhundert nicht zeitgemäß war.
Was also tun? Wie verhindern wir diesmal den Siegeszug der Banden ruchloser, aggressiver junger Männer?
Natürlich habe ich darauf keine allgemein gültige Antwort, das wäre ja auch vermessen. Ich kann nur von mir sprechen, meinen Weg beschreiben: Für mich liegt die Widerstandskraft genau darin, all diese alten Geschichten zu kennen, Komplexität auszuhalten - und das Herz weich. Dabei helfen mir wiederum alte Geschichten - aber nicht die, die von Wut und Zerstörung erzählen, sondern auch die, die von Glaube, Liebe und Hoffnung reden. So wie diese hier:
Mit Glaube, Liebe und Hoffnung werde ich weiterhin unterwegs sein, ein Feuer anzünden und diejenigen einladen, die unseren Planeten für alle Lebewesen erhalten und gestalten wollen. Vielleicht können wir so auch über diese Schlucht, diese Dunkelheit springen und alle Bodos dieser Welt hinter uns lassen.
Dieser Blog ist übrigens auch ein bewusster Versuch, weniger Inhalte auf Instagram zu posten (auch wenn das Reel ursprünglich auf Instagram kreiert wurde, ich lerne gerade noch). Das Metaversum zu verlassen ist als Selbstständige nicht so leicht. Umso mehr freue ich mich, wenn du meinen Blog oder Newsletter jemand anderem empfiehlst oder dich selbst in die Newsletter Liste unten auf der Seite einträgst.
Ich danke dir.
Herzliche Grüße
Kathrin
Literatur:
Catherine Nixey, Heiliger Zorn. Wie die frühen Christen die Antike zerstörten. Deutsche Verlags Anstalt 2019.
Inspiration:
Die Sage von der Rosstrappe. nachlesbar unter anderem hier: https://www.harzinfo.de/erlebnisse/poi/die-sage-von-der-rosstrappe
Bildquellen:
Die Bibliothek von Alexandria: By Wikimedia - Wikimedia commons, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=55282489
Die Zerstörung der Bibliothek: By Ambrose Dudley - Bridgeman Art Library: Object 357910(1st version), Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19991005
Der Tod der Hypatia: By Unknown author - [5], Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=23830170