Auf den Spuren der Kelten

Der Falke hatte seinen Platz gefunden, er thronte hoch über den Feldern auf einer Eiche, die wiederum auf einem Hügel stand, dem Kleinaspergle. Das Kleinaspergle liegt - wie die Verkleinerungsform verrät - in Schwaben, in der Nähe von Stuttgart. Es ist ein Grabhügel aus frühkeltischer Zeit.

Ich war auf den Spuren der Kelten hierher gekommen, wollte mir die Stätten der Vergangenheit anschauen. Aber ehrlich gesagt, hatte ich es mir doch anders vorgestellt. Das Kleinaspergle lag neben der Autobahn, der Lärm war unüberhörbar. Der Parkplatz davor war leer und trostlos, ein paar Container für Flüchtlinge standen daran, links ging es zu einem Restaurant, dahinter ein paar verstreute Wiesen und Felder. Sie sahen unwirklich aus an diesem grauen Februarmorgen, als ob sie hier zwischen Gewerbegebiet und Straße fehl am Platz seien.

Den Falken hingegen störte das alles nicht so sehr, er hatte hier sein Jagdgebiet. Das allerdings gefiel der Krähe gar nicht. Immer wieder stieg sie in die Luft und mobbte den Falken bis er es schließlich aufgab und die Eiche verließ. Vielleicht auf dem Weg zum Hohenasperg, dem man von hier aus besonders gut sehen konnte? Schließlich war der Grabhügel absichtlich so angelegt worden.

Der Hohenasperg ist ein großes Gipfelplateau, das ca. 100 Meter über dem nur wenig hügeligen Umland thront und weithin sichtbar ist. Diese interessante Lage haben auch schon die Kelten erkannt, und so war der Hohenasperg im 5. Jahrhundert v.Chr. ein keltischer Fürstensitz mit einer stadtähnlichen Ansiedlung. Dort wohnten gewiefte Händler und Handwerker, davon erzählen uns die Funde in den umliegenden Grabhügeln. Denn die Toten wurden nicht oben auf dem Plateau begraben, sondern unten in der Ebene, immer mit direkten Blick auf den Hohenasperg. Hier wurden in den letzten Jahrzehnten in den Grabhügeln spektakuläre Funde gemacht, besonders berühmt geworden ist das unberaubte Grab des Fürsten von Hochdorf. Auch am Kleinaspergle wurden die Archäolog*innen fündig. Das Hauptgrab war zwar Grabräubern zum Opfer gefallen, doch das, was sie übrig gelassen hatten, zeugt von hoher Kunstfertigkeit und weit reichenden Handelsbeziehungen - im 100 Kilometer entfernten Grabhügel Hohmichele wurden Goldfäden aus identischer Produktion gefunden.

Doch die Schätze aus den Grabkammern erzählen uns noch mehr: Die Kelten waren hierarchisch organisiert. Reiche und mächtige Menschen wurden mit Gold und Bronze begraben, arme mit Keramik oder mit gar nichts. Und es waren vor allem (aber nicht ausschließlich, dazu schreibe ich ein anderes Mal) Männer, die mit Pomp und Prunk begraben wurden. Neue DNA Analysen haben auch ergeben, dass Besitz und Status weitervererbt wurden, die Fürsten von Kleinaspergle und Hochdorf waren miteinander verwandt.

Alles wie in unserer Zeit also? Nicht ganz, eines fällt auf: Die beiden Fürsten waren nämlich nicht Vater und Sohn, sondern über die mütterliche Linie miteinander verwandt, es handelt sich um Oheim und Neffe.

Was steckt dahinter?

So genau wissen wir es nicht. Eine Interpretation verweist darauf, dass diese Erbfolge besonders aus Gesellschaften bekannt ist, in denen die polygame Beziehungen üblich sind. Das heißt, sowohl Männer als auch Frauen haben in einer Ehe die Freiheit auch mit anderen Menschen sexuelle Beziehungen einzugehen. Darum konnte sich der Fürst von Hochdorf nicht ganz sicher sein, dass die Kinder seiner Frau wirklich von ihm stammten und vererbte seinen Besitz und Status dem Sohn seiner Schwester, der definitiv mit ihm blutsverwandt war. Dieser herrschte dann nach seinem Tod über den Hohenasperg und auch er wurde in Sichtweite im Kleinaspergle begraben (wie verräterisch Sprache sein kann).

Auf seinen Spuren wollte ich heute den alten Weg vom Kleinaspergle zum Hohenasperg gehen. Ganz so einfach wie damals, als bestimmt ein direkter Weg dorthin führte, ist es heute nicht mehr. Ich folgte dem Flug des Falken und fand einen alten Hohlweg. In den Schlehen und Hagebutten riefen die Meisen, kurz darauf fand ich die Reste einer Rupfung, der Falke war wohl erfolgreich gewesen und hatte einen Vogel erbeutet.

Bald danach mündete der Hohlweg in ein Wohngebiet, ich überquerte einen Spielplatz, dahinter stieg der Weg steil an, an den Hängen lagen Weingärten. Ein Weinhüterunterstand erinnerte an die Zeiten, als hier noch viel gekeltert wurde, heute waren die meisten Lagen verlassen, die Stäffele, die Treppen, ungepflegt.

Diese durfte man auch gar nicht betreten, vergebens suchte ich nach einer Abkürzung durch die Weingärten. Schließlich gab ich mich geschlagen und nahm den offiziellen Weg durch das Tor der Festung. Seit den Tagen der Kelten ist auf dem Hohenasperg nämlich viel geschehen. Erst war er eine Burg, im 16. Jahrhundert wurde diese zur Festung umgebaut, die Bewohner umgesiedelt. Zahlreiche Menschen wurden in der Feste Hohenasperg ohne Prozess festgehalten und gefoltert. Noch heute ist der Hohenasperg eine JVA, große Teile sind nicht zugänglich.

Mein Blick ins Tal fiel auf Wohnungen, Gewerbe und Autobahn, nur mit Mühe fand ich nochmal das Kleinaspergle. Das muss früher anders gewesen sein. Und doch ist die Wuseligkeit in der Ebene, die versehrte Landschaft auch schon eine Folge der Kelten, den Meistern der Bronzeherstellung - dafür wurden nämlich schon damals ganze Wälder abgeholzt.

Als ich wieder zum Parkplatz zurückkehrte, saß der Falke wieder in der Eiche auf dem Kleinaspergle. So leicht ließ er sich hier nicht vertreiben und auch ich werde wiederkommen.


Quellen:

Felicitas Schmitt et al., Vererbte Macht: Frühkeltische Eliten in Deutschland Archäologie in Deutschland 1 (2025) 8-13.

Ausführlicher:

Gretzinger, J., Schmitt, F., Mötsch, A. et al. Evidence for dynastic succession among early Celtic elites in Central Europe. Nat Hum Behav 8, 1467–1480 (2024). https://doi.org/10.1038/s41562-024-01888-7

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